Wissenschaftlerinnen – fotografiert von Liselotte Orgel-Köhne (Purper)
6 Minuten
Eine Porträtreihe zwischen Propaganda und Frauengeschichte
Autorin: Cornelia Reichert
Die Porträtserie „Wissenschaftlerinnen“, aufgenommen zwischen 1940 und 1956, hat einen besonderen Stellenwert im Werk der Bildjournalistin Liselotte Orgel-Köhne. Hier sind Auftragsarbeit und persönliches Anliegen eng miteinander verwoben. Die erhaltenen Vintage Prints geben gemeinsam mit Briefen und Tagebüchern der Fotografin vielschichtige Einblicke in die NS-Propaganda, zur Rolle der Frau im Nationalsozialismus und in der Forschung sowie zu der Frau hinter der Kamera.
Liselotte Orgel-Köhne, geb. Purper, gehört zu den ersten und bekanntesten deutschen Fotografinnen, die früh in der Männerdomäne Bildjournalismus arbeiteten.
Eine ihrer wichtigsten Bildserien sind die Porträts von Wissenschaftlerinnen, die die Fotografin wohl selbst für eine ihrer gelungensten Reihen hielt. In Briefen an ihren ersten Mann erwähnt sie die Serie im Jahr 1944 mehrfach und betont, wie „schön“ die bisher aufgenommenen Bilder seien.1
Jede Wissenschaftlerin fotografierte sie sowohl „bei ihrer Tätigkeit“ (meist sehr offensichtlich gestellt) als auch im Porträt.
© bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne | © bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne |
Beim Blick auf den Nachlass der Fotografin sieht man schnell, dass es sich bei diesen Aufnahmen um ein sehr persönliches Anliegen handelt.
Auch wenn die Serie von der nationalsozialistischen Reichsfrauenführung beauftragt wurde, traf sie einen Nerv bei Orgel-Köhne. Bis in die 1950er Jahre hinein porträtiert sie weitere Wissenschaftlerinnen – im Ausdruck nun nahbarer – und führt zu der kompletten Reihe ein eigenes „Archiv“, abseits der sonst chronologischen Ordnung.
Insgesamt aber hat sie zum Thema Berufstätigkeit und Unabhängigkeit von Frauen bereits seit den 1930er Jahren ihr Berufsleben lang gearbeitet. Es war ihr ein besonderes Anliegen, auch für sich selbst.2
© bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne | © bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne |
© bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne | © bpk-Fotoarchiv / Liselotte und Armin Orgel-Köhne |
Hier beginnt auch die Kritik an Liselotte Orgel-Köhne, denn sie sieht diese Lebenshaltung gänzlich unkritisch mit dem Nationalsozialismus im Einklang. Bis ins hohe Alter betont sie, dass das Fortkommen der Frauen unabsichtlich von Hitler gefördert worden sei.3 Sie hat sich nie von ihrer Arbeit für die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten distanziert, sondern diese stets mit ihrer Begeisterung für das von der Reichsfrauenführung propagierte (und ihrer Meinung nach dort gelebte) Bild der berufstätigen, wohlorganisierten und unabhängigen Frau begründet.4
Aus: NS-Frauen-Warte, 12. Jg. (1943), H. 3, S. 30 | © bpk-Fotoarchiv / Liselotte Orgel-Köhne |
Für die Forschung ergibt sich daraus der ideale Fall, dass sie ihre Fotos, Tagebücher und Briefe aufbewahrt und in den 1990er Jahren an das bpk-Fotoarchiv sowie das Deutsche Historische Museum gegeben hat.5 Sie bieten einen ungewöhnlich detaillierten Einblick in die Arbeit der „Bildberichterstatterin“, in Alltagspropaganda, Frauenbild und Frauenleben im Nationalsozialismus und danach.
Aus unserem Archiv haben wir nun 40 neue Bilder der Wissenschaftlerinnen vom Vintage Print digitalisiert, darunter etliche Motive, die die Fotografin selbst für Veröffentlichungen verwendet und vertrieben hat. Alle Motive finden Sie hier.
Besonders spannend sind die zahlreichen erhaltenen Abzüge aus der Entstehungszeit der Aufnahmen. Die Bilder vor 1945 weisen nicht nur die damaligen Stempel der „Bildberichterstatterin“ und einen kurzen Text zum Forschungsgebiet der Abgebildeten auf, sondern auch zu deren jeweiligem „Kriegseinsatz“.
So bildet sich der propagandistische Zweck der Bilder, der der Fotografin genau bekannt war,6 im Original ab. Spätere Stempel daneben und darüber zeigen, dass sie die Bilder auch nach 1950 vertrieben hat, oft mitsamt den alten Texten.
Die Vintage Prints bieten daher nicht nur Forschungsstoff zum Nationalsozialismus und zu den Portraitierten, sondern ebenso zum Umgang der Fotografin damit.
1 Briefe vom 2. März und 11. April 1944, abgedruckt in: Orgel-Purper, Liselotte: Willst Du meine Witwe werden? Eine deutsche Liebe im Krieg. Berlin, Aufbau, 1995
2 Vgl. z.B. den Brief vom 22. Februar 1943, ebda.
3 So z.B. noch 1983 in einem Brief, mit dem sie eine Bildserie zu den Wissenschaftlerinnen für eine Produktion anbietet, erhalten im bpk-Fotoarchiv.
4 In einem Artikel zur Eröffnung der Ausstellung „‚Bildberichterstatterin‘ im ‚Dritten Reich‘“ 1997 zitiert Gabriela Walde die Fotografin so: „‚Ich war voller Bewunderung, was diese Frauen alles leisteten, besonders im Verlauf des Krieges‘, erinnert sie sich. ‚Sie emanzipierten sich in allen Bereichen, da die Männer an der Front waren.‘“ (Walde, Gabriela: „Willst Du meine Witwe werden?“ Mit der Kamera durch den Krieg: Fotos der „Reichsbildberichterstatterin“ Liselotte Orgel-Köhne im Zeughaus. Die Welt, 16.07.1997)
5 Im Deutschen Historischen Museum befinden sich ca. 600 Negative sowie die Originale der Tagebücher und Briefe. Der gesamte übrige fotografische Nachlass mit über 100.000 Negativen, Dias und Originalabzügen gehört zum bpk-Fotoarchiv.
6 Vgl. einen Brief vom 18. Mai 1944: „Ich bin beauftragt, bestimmte Wissenschaftlerinnen aufzunehmen. […] Meine Bilder sollen für einen dringend erwünschten Nachwuchs werben. Insbesondere jetzt für Ingenieurinnen und Architektinnen. … Nicht umsonst bin ich nicht für andere Arbeiten einberufen, nicht umsonst wird die Pressearbeit als kriegswichtig angesehen.“ (Zitiert nach: Protte, Katja: „Bildberichterstatterin“ im „Dritten Reich“. Fotografien aus den Jahren 1937 bis 1944 von Liselotte Purper. Hrsg. von Carola Jüllig, Ausst.-Kat. Deutsches Historisches Museum, Berlin, 1997, S. 23)